Rhein-Mosel-Verlag
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Leseprobe 3

 

 

Ernesto entspannte sichtlich. »Okay, Ieronimo, was war denn nun los?«
»Wir waren schon in Yaguaramas. Am Bahnhof hatten wir einen Auftrag zu erledigen. Da war uns aufgefallen, dass Militärpatroullien an der Bahnlinie auf- und abfuhren. Haben wir sonst da noch nie gesehen. Deshalb hatten wir uns vorgenommen, umsichtig zu sein, und waren ziemlich sicher, dass wir von dort – unbemerkt von denen – abgefahren seien. Das war allerdings ein Irrtum. Zwar ging bis an die Sümpfe alles gut. Aber da pfiffen uns plötzlich die Kugeln nur so um die Köpfe. Der Jeep sieht ziemlich durchlöchert aus. Außerdem ist ein Reifen platt.«
»Mach’s nicht so spannend. Komm zur Sache! Was habt ihr gemacht?«
»Na ja, wir sind raus aus der Karre, und haben uns hinter einer kleinen Anhöhe verschanzt. Carlos hat schnell entdeckt, von wo die Kameraden auf uns zielten. Na, und dann haben wir zurückgeschossen. Du kennst Carlos’ Zielgenauigkeit ja zu Genüge. Zuerst hat er einem die Knarre aus den Händen geschossen. Jedenfalls flog sie hoch durch die Luft. Dann ein Schrei und Minuten später sind die geflüchtet. Müssen zwei Wagen gewesen sein. Den Spuren nach, mindestens sechs Leute. Den da haben die einfach liegen gelassen. Er lebte noch, als ich ihm die Wunde in der Brust verbunden habe. Hab ihn noch fragen können, wie ihr Verdacht auf uns gefallen sei. Er konnte zwar kaum noch richtig sprechen, aber ’n paar Mal hat er was von ›Hinweisen‹ gehaucht. Dann hat er sich zu seinen Vätern aufgemacht. War nicht unsere Schuld. Carlos wollte nicht, dass wir ihn liegen lassen. Deshalb haben wir ihn mitgeschleppt. Trotz des Platten war das bis zum Loch, wo wir den Jeep versteckt hatten, kein Problem. Aber hier durch den Sumpf wars sehr schwer. Ab vermuteter Hörweite zum Lager haben wir abwechselnd gepfiffen. Hat ja geklappt. Die letzten Meter dürft ihr ihn nun noch tragen, Amigos.«
Auf dem schmalen, sich ständig windenden Pfad durch die Agaven und Dornen war das nicht einfach, weil die Bahre in der Mitte gehalten und die Träger an den Seiten gehen mussten. Diego zerriss sich die Hose und die anderen erreichten das Lager schließlich mit blutigen, zerkratzten Waden.
Johannes hatte den ersten Schrecken ungewöhnlich schnell überwunden. Diego anscheinend auch. Mit dem toten Soldaten waren sie plötzlich in eine andere Aura geworfen. Die gespannte – manchmal auch ängstliche – Erwartungshaltung auf eine noch ungewisse, nahe Zukunft war geschwunden. Der Guerillakrieg hatte nach ihnen gegriffen. Der schnodderige Jargon, mit dem jetzt über Tote und Scharmützeleien gesprochen wurde, tat ein Übriges. Ein neuer, härterer Geist bestimmte von nun an die Kommunikation zwischen ihnen.
Pablo sah sich den toten Soldaten lange an, bevor er feststellte: »Dem Rangabzeichen nach war er Offizier. Sehr jung noch. Schade um den Jungen. Wir werden ihn begraben müssen. Hebt hinter den Hütten eine Grube aus … mindestens einen Meter tief. Und schneidet ihm vorher die Blechmarke vom Hals. Felix, Pele und ihr natürlich auch, Ieronimo, Carlos! Habt uns den Kerl ja schließlich angeschleppt. Ich werde inzwischen Meldung machen. Also los, Leute!«
In der Tür der Hütte, in der sich das Funkgerät befand, wandte sich Pablo noch einmal um und rief fragend über den Platz: »He, Ieronimo, du bist also ganz sicher, dass der Mann von ›Hinweisen‹ gesprochen hat?«
Ieronimo, der schon eine Schaufel in seinen Händen hielt, nickte Pablo zu, hob einen Arm und machte das Daumen-hoch-Zeichen.
Ernesto und Johannes schlenderten zur Veranda und ließen sich am Tisch einander gegenüber nieder. Ernesto zog eine Flasche heran, nahm zwei von den schon leicht angeschlagenen Kaffeeschalen und füllte sie mit weißem Rum. Schweigend schob er Johannes eine zu und sagte ihm zuprostend:
»Auf die Revolution, Juan! Auf unseren Máximo Líder! Auf meinen Namensvetter Ernesto Guevara! Auf ein freies Kuba! Auf uns und darauf, dass wir da angekommen sind, von wo aus es kein Zurück mehr gibt!«
Johannes brannte der Rum zwar in der Kehle, aber er fühlte sich sofort leichter.

 
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LESER-TIPP:

"Kamillenblumen" von Ute Bales

www.kamillenblumen.de


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