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Leseprobe 2

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Johannes atmete tief durch, lehnte sich zurück, war sich endlich darüber im Klaren, dass seine Entscheidung, sich der Revolutionsarmee anzuschließen, absolut richtig war. Sorgfältig nahm er das Pamphlet, faltete es kleinteilig zusammen und ließ es in seiner Brusttasche verschwinden.
Erst jetzt spürte er die Wärme, die vom Schenkel des Mädchens, ihrem Arm und der streichelnden Hand ausging. Es kam ihm vor, als handele es sich um eine Belohnung dafür, dass er sich für den Kampf um Gerechtigkeit entschieden hatte. Ja, der Líder konnte das Problem so verständlich ausdrücken, dass man es sofort nachvollziehen konnte. Ein verstehendes Lächeln zog über seine Züge, als das Mädchen sein Gesicht in beide Hände nahm, es zu sich herabzog und ihm leidenschaftlich die Lippen küsste.
Johannes ließ sich erregen, aber es war kein neues Erregtsein. Castros Rede hatte ihn in Erregung versetzt. Kampf, Begehren und Liebe verschmolzen in diesem Augenblick, als sei der Kampf um Gerechtigkeit und der Kampf um die Einnahme eines begehrten weiblichen Leibes ein und dasselbe, nichts weiter als die Endpunkte ein und derselben Lebensachse.
»Como te llamos, por favor?«42, fragte Johannes flüsternd.
»Alicia! Und du, wie heißt du?«
»Johannes heiße ich, nein, nicht Jo’annes, sondern Johan-nes!«
»Aha, Jo’annnes. Habe verstanden.«
Johannes gab es auf, das zu seinem Namen gehörende »H« phonetisch verständlich zu machen. Er wusste ja, dass es Sprachen gab, in denen das gesprochene »H« einfach nicht vorkam.
Jetzt war er es, der die Initiative ergriff. Er drückte Alicia an sich und bedecke ihr Gesicht und den schlanken Hals mit gierigen Küssen. Alicia ließ ihn gewähren und schlug ihr Bein über Johannes’ Schenkel.
Einen Augenblick lang sah er plötzlich Esmeralda, die ihn traurigen Blickes anschaute; dann wieder fühlte er ebenso mysteriös die zornentbrannten Augen seiner heimlichen Liebe Waltraud auf seinem Gesicht. Je intensiver Alicia ihn küsste, desto schneller verloren sich die Bilder des schlechten Gewissens und der Scham.
Alicia hatte unbemerkt einige Knöpfe seines Hemdes geöffnet und liebkoste seine Brustwarzen. Ihr Mund berührte sein Ohr und flüsterte mit begehrender Stimme: »Willst du mit uns in unser Zimmer kommen? Wir kosten nichts, keine Dollari. Nur eine Flasche Champagner musst du für Maria und mich bezahlen.«
Johannes’ Verstand war längst eingenebelt. Er willigte ein, ließ sich von Alicia an die Bar ziehen, zahlte die Getränke und hundert Dollar für den Champagner. Ihm war es egal. Ihn verlangte nur nach Alicia. Auch dass sich Maria, das zweite schöne Mädchen, an seiner anderen Seite untergehakt hatte, nahm er kaum wahr.
Die Mädchen führten ihn über einen dunklen Hof. Flüchtig sah er hinter einem Fenster, das beinahe bis zum Boden reichte, auf einem rostigen Bett ein Pärchen sich heftigst lieben. Auch dass der Mann ein weißer und die Frau eine Schwarze war und beider Haut vor nassem Schweiß triefte, verinnerlichte er noch. Er ordnete das alles schon unter das Stichwort Revolution, sein neues Leben, ein. Dies hatte jetzt für ihn begonnen. Dieser Widerspruch gehörte dazu. Nach wenigen Schritten landete auch er in einem ähnlich tristen Raum. Ein wackeliges Bett und ein Stuhl waren das einzige Mobiliar.
Johannes konnte gar nicht so schnell nachvollziehen, was da mit ihm geschah. Alkohol hatte ihn nicht benebelt. Es war die Wahrheit der Begierde. Beide Mädchen machten sich über ihn her. Im Nu hatten sie ihn und sich selbst entkleidet. Ein Rausch des Begehrens und der Fantasie nahm seinen Lauf. Johannes ließ sich von der Kraft erotischer Sinnlichkeit tragen. Scham, Scheu, Heimlichkeit, Reue und Schuldgefühle blieben ausgebürgert. Der der Erotik innewohnende Widerspruch von Liebe und Treue war zugelassen und ließ sich als Wahrheit feiern. Selbst das Auge Gottes schien vor der Tür geblieben zu sein. Johannes war in ein neues Leben eingetaucht, das er jetzt wirklich und vollkommen bejahte, das Leben des guten Rebellen, der sich aufgemacht hat, mit Haut und Haaren für Freiheit und Wahrheit zu kämpfen, koste es, was es wolle, selbst das Leben, dessen Blut noch nie so pulsierend durch seine Adern gerauscht war wie an diesem Tag.

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"Kamillenblumen" von Ute Bales

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