Rhein-Mosel-Verlag
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Leseprobe 1

 

Wir hatten Flötentörn1, saßen in der Pantry2 und tranken Bier. Felix war schon immer derjenige gewesen, der politisch interessiert war: »Wieso«, meinte er, »behaupten ausgerechnet die Nachfahren schlimmster Epigonen, Deutschland wieder aufgebaut zu haben? Okay, die Trümmerfrauen, akzeptiert! Aber war das damals nicht eher eine Art Notstand, der unsere Mütter zu solcher Knochenarbeit trieb? Die standen doch alle unter diesem Aufräumungsdruck, weil sie hofften und warteten, dass ihre Männer … eh, unsere Väter, bald aus Russland heimkehren würden. Meine Mutter und meine Tante, die auch alles verloren hatte und mit uns zusammenlebte, haben sich jeden Tag drüber unterhalten. Das hörte sich meistens so an: ›Du, Else, ich hab mal wieder das Gefühl, dass Jonny jeden Tag vor der Tür stehen könnte. Wir sollten seine Sachen an die Luft hängen, damit sie frisch riechen, wenn er sich denn gleich umziehen möchte.‹ Alle Tage träumten die beiden von einem trauten Eheleben ohne Schutt und Asche, in Freiheit und Frieden. Nur deshalb hatten sie die Kraft, die Spuren von Zerstörung und Vernichtung unermüdlich wegzuräumen. Ihre Träume, der Lärm der Schuttloren und der Krach der Räummaschinen haben gleich nach der großen Ernüchterung schon verhindert, dass sie das frühe Rasseln der Säbel um sich herum überhaupt hätten hören können …«
»Was willst du damit sagen, Felix?
»Nix weiter. Nur, dass die Träume unserer Mütter nicht in Erfüllung gegangen sind und es auch nie werden. Um sie herum wird bereits jetzt – elf Jahre nach dem Desaster des Weltenbrands – wieder Feuer geschürt. Inzwischen haben wir mit der neuen Bundeswehr, den ›Bürgern in Uniform‹ oder wie die das jetzt verkaufen, wieder Männer, die mit Kriegsgerät hantieren und dazu von denen angeleitet werden, die das letzte Inferno mit Hingabe geschürt haben.«
Felix machte eine lange, nachdenkliche Pause, bevor er fortfuhr: »Johannes, morgen werden wir durch den Panamakanal gelotst. Ist dir eigentlich klar, dass wir uns jetzt in unmittelbarer Nähe der zukünftigen Insel der wenigen, noch unwissenden Seligen befinden?«
»Nein, ich weiß nur, dass es eine Insel der Seligen nirgendwo auf dieser Welt gibt …«
»Ich muss dich unterbrechen, entschuldige! Aber du hast mich missverstanden. Ich meinte mit dem Hinweis auf die Insel der Seligen nicht den Trost eines undefinierbaren Himmels. Ich meinte eine ganz realistische Insel, auf der ein paar beherzte Männer sich gerade anschicken, die Voraussetzungen für ein anschauliches, neues und friedliches Miteinander von Menschen guten Willens zu schaffen. Ganz in unserer Nähe.«
»Ach ja, du meinst Kuba und diesen Jurastudenten Fidel Castro. Hast von dem ja schon des Öfteren geschwärmt …«

 

1.  längere Arbeitspause
2.  Aufenthalts- und Mannschaftsraum

 
Für Journalisten: 
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LESER-TIPP:

"Kamillenblumen" von Ute Bales

www.kamillenblumen.de


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